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Der Deutsche Kaiser Wilhelm II. war nicht der einzige Monarch im Deutschen Kaiserreich, der heutzutage zum Staunen einlädt. So gab es beispielsweise einen Zeitgenossen, der seine persönlichen Überzeugungen derart deutlich vertrat, wie es hundert Jahre später noch für die meisten Politiker undenkbar wäre: Karl, König von Württemberg (1864-1891). „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ – das Bekenntnis des damaligen Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit war noch vor wenigen Jahren eine Sensation in Deutschland. So mag es nur ansatzweise vorstellbar sein, wie viel Mut es bedurfte, sich hundert Jahre vorher zu „outen“. Der König von Württemberg tat dies in einer Form, die wohl kaum selbstbewusster sein könnte: Karl von Württemberg zeigte sich mit seinem Partner regelmäßig gemeinsam in der Öffentlichkeit und nahm ihn in gleicher Kleidung zu Ausfahrten mit – im „Partnerlook“, sozusagen.

Eines muss man Karl lassen: Während andere Herrscher ihre Affären hinter den königlichen Kulissen im Verborgenen pflegten, ist die öffentlich bekannte Liste der Gespielen von König Karl von Württemberg ziemlich lang: Der Maschinenmeister des Hoftheaters,  der königliche Generaladjutant, der Sekretär des Konsulats der Vereinigten Staaten von Amerika – Karl hatte sie alle, wobei die homoerotischen Abenteuer häufig in blumige Worte wie „intime Herzensfreundschaft“ gekleidet wurden. Seine große Liebe fand Karl allerdings ausgerechnet in dem persönlichen Vorleser seiner Gattin, Königin Olga: Charles Woodcock war künftig neben der verschmähten Königin Olga der Mann an der Seite des Königs – und schon damals war der Nachname des „First Gentleman“ für einige Lacher gut, setzt er sich doch aus „Holz“ und dem umgangssprachlichen Begriff für das männliche Geschlechtsteil zusammen.

Die Leistungen des Amerikaners waren offenbar zufriedenstellend, sodass Karl von Württemberg seinen Geliebten zum Kammerherrn und später zum Baron Woodcock-Savage machte – die englische Übersetzung von „savage“ lautet bezeichnenderweise „wild“. Doch Woodcock nutzte seine Stellung rücksichtslos aus und griff nicht nur in Personalentscheidungen des Königs ein, sondern auch in dessen Privatschatulle. Sogar die öffentlichkeitswirksame Trennung in Folge des öffentlichen Drucks ließ sich Woodcock fürstlich bezahlen.

In Württemberg pflegte das Königshaus also einen – für damalige Verhältnisse – unkonventionellen Lebens- und Regierungsstil. Hierbei stand auch der Nachfolger von Karl seinem Vater in Nichts nach: Wilhelm II., König von Württemberg (1891 – 1918), verzichtete auf Personenschutz und war regelmäßig in der Stuttgarter Innenstadt beim Spazierengehen anzutreffen – die schwäbisch-sparsame Anrede „Grüß Gott, Herr König“ war beim Monarchen offenbar gern gehört, der Herrscher soll zur Erwiderung höflich seinen Hut gezogen haben.

Seine Liebenswürdigkeit war bei Alt und Jung bekannt: Wenn ein kleiner Untertan vorsichtig zu seinem König aufschaute und ehrfürchtig im schönsten schwäbischen Singsang „Keenich, hoscht mer nex?“ fragte, soll Wilhelm den Kindern gern Süßigkeiten zugesteckt haben. Auch sonst legte Wilhelm ein volkstümliches Gemüt an den Tag, welches ihm viele Sympathien einbrachte – er gestattete dem Sozialistenkongress, in Stuttgart zu tagen, und bot vielen umstrittenen Theaterregisseuren eine Bühne, um ihre verbotenen Stücke aufzuführen. Seine Liebe zum Heimatland, welches im Deutschen Kaiserreich unter der preußischen Vormacht an Einfluss verloren hatte, wurde auch in seinem letzten Willen deutlich: Tief enttäuscht über seinen Machtverlust ließ Wilhelm II. verfügen, dass sein Trauerzug einen weiten Bogen um  Stuttgart machen solle. Wilhelm ließ sich stattdessen, sozusagen zur Strafe, nicht in der württembergischen Hauptstadt, sondern in Ludwigsburg begraben – und dies tragen ihm manche Stuttgarter bis in die heutige Zeit nach.

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